March 1997 Rock Hard (DE / German)

Source: Rock Hard
Date: March 1997
Language: German
Transcript: Bree / white ribbon

Source and translation notes

This is my transcript by hand. I am not a native speaker or reader. I may make typos or forget a comma.


Interview: March 1997, Rock Hard

Paul Landers in a 1997 magazine scan from a Rock Hard interview
Eine eingescannte Zeitschriftenseite mit einem Foto von Paul Landers aus dem Jahr 1997 das für ein Interview mit Rock Hard aufgenommen wurde.

Rock Hard: Die Stimmung im Rammstein-Lager ist relaxt. Gitarrist Paul Landers beschäftigt sich vorrangig mit alltäglichen Fragen, z.B. was er heute zum Abendessen kochen soll. Ob das neue Album "Sehnsucht" ähnlich viele Einheiten wie das immer noch in den Charts befindliche Debüt verkaufen wird, scheint für ihn dagegen eher zweitrangig zu sein. Anspannung oder gar Nervosität, wie sie kurz vor einer Veröffentlichung bei Musikern normalerweise spürbar ist, merkt man ihm nicht an.

Paul: "Wir hatten bei diesem Album nicht den Anspruch, ein Jahrhundertwerk vorzulegen. Wir waren es schlicht und einfach leid, unsere alten Songs immer und immer wieder zu spielen, so daß wir das neue Material aus rein pragmatischen Gründen aufgenommen haben - um nämlich möglichst bald wieder auf Tour gehen zu können.

Rock Hard: "Sehnsucht" ist lediglich eine Bestandsaufnahme von Rammstein im Winter '96/'97. Man kann nicht immer zehn Jahre warten, bis ein Lied die Reife hat, um endlich auf CD verewigt zu werden, zumal sich mit der Zeit auch der Geschmack verändert und man deshalb wahrscheinlich eh nie zu einer endgültigen Version kommen wird. Die "Herzeleid"-Songs haben wir vor der Produktion schon ewig mit uns rumgeschleppt.

Diesmal wollten wir bei den Aufnahmen mehr Frische und Spontanität einfließen lassen. Das war uns besonders wichtig, weil wir sehr von unserer provozierenden Art leben. Die galt es, entweder natürlich einzufangen oder ganz bleiben zu lassen. Wenn man nämlich krampfhaft versucht, Leute zu erschrecken, geht das voll nach hinten los und ist einfach nur peinlich. Beim ersten "Buh" zucken noch alle zusammen, beim zweiten wird's schon ungleich schwieriger, und beim dritten ist der Witz vorbei."

Gefahr erkannt - Gefahr gebannt. Rammstein machen mit ihrem zweiten Album nämlich nicht einfach nur wieder "Buh", sondern variieren ihre Provokation, so daß sie auch diesmal ein großes Echo hervorrufen dürften und nicht zu ihrer eigenen Farce verkommen. Neben noch derberen Texten trägt dazu u.a. auch eine Fotoserie des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein bei, der u.a. das legendäre "Blackout"-Cover der Scorpions kreierte.

Paul: "Ein Freund von ihm, dem wir gut gefallen, machte ihn auf uns aufmerksam. Daraufhin bot er spontan seine Zusammenarbeit an. Diese Gelegenheit ließen wir uns natürlich nicht entgehen und fuhren auf sein Schloß, wo er drei verschiedene Portrait-Fotoserien schoß: eine mit Farbe, eine mit Blut und eine mit Besteck im Gesicht. Wir funktionierten gleich auf einer Wellenlänge, und die Bilder gefallen uns ausgesprochen gut, weshalb wir sie sowohl für das "Sehnsucht"-Booklet als auch für die Tourplakate verwenden werden. Das Booklet läßt sich dank einer speziellen Anordnung übrigens so falten, daß jeder sein persönliches Lieblingsmotiv zum Frontcover machen kann, und von den insgesamt sechs Tourplakaten wollen wir in jeder Stadt ein anderes Motiv aufhängen."

Rock Hard: Soweit zur Optik. Kommen wir zu den neuen Songs, von denen Konzertbesucher der letzten Tour schon einige kennen dürften: nämlich 'Bück dich', 'Sehnsucht', 'Bestrafe mich' (S/M-Thematik), 'Spiel mit mir' und 'Tier' (die Nummer von dem Mann, der nicht zwischen Mensch und Tier unterscheiden kann). Alle fünf Stücke haben während der Produktion noch eine zum Teil deutliche Überarbeitung erfahren - speziell 'Bück dich' wirkt ungeachtet des immer noch etwas holprigen "Dein Gesicht interessiert mich nicht"-Breaks ungleich stimmiger. Als Single geplant sind das wortspielerisch raffinierte 'Du has(s)t' und das betont melodische 'Der Himmel muß die Hölle sein'[Engel].

Weit weniger als Auskopplung eignen sich dagegen die textlich arg derben 'Fellfrosch' ("unser Mösensong") und 'Kokain', das eventuell noch in der 'Der Vater aller Spiegel' umbenannt wird. Außerdem noch am Start: das eher unspektakuläre 'Der alte Mann' und 'Eifersucht', das mit Zeilen wie "Iß mein Herz und leck den Teller ab!" und Midtempo-Riffpower sowohl textlich als auch musikalisch in bester "Herzeleid"-Tradition steht.

Überhaupt sind die Änderungen nicht so gravierend ausgefallen, wie sie nach den erfolgreichen Live-Jams mit DJ Komm zu erwarten waren. "Evolution statt Revolution" lautet das Motto. Verändert haben sich neben einem etwas größeren Gesangsstatt Sprechanteil und teilweise anders akzentuierter Gitarren (Riffs auch während der Strophen & noch weniger Soli) hauptsächlich die Synthie-Sounds, die wesentlich moderner und vielseitiger klingen und zudem kompositorisch an Stellenwert gewonnen haben.

Paul Landers in a 1997 Rock Hard interview speakingPaul Landers in a 1997 magazine scan being interviewed by Rock Hard about the Sehnsucht album
Zwei eingescannte Zeitschriftenfotos von Paul Landers der während eines Interviews für Rock Hard spricht.

Paul: "Das liegt daran, daß Sven (der Gitarrist mit dem brennenden Hut, der sich zuweilen auch Richard nennt) begonnen hat, sich zunehmend mit Samplern zu beschäftigen. Weil Flake vor kurzem Vater geworden ist, war er diesmal mehr mit seinem Kind als mit dem Songwriting beschäftigt, so daß Sven die meisten seiner Parts komponiert hat. Dieser neue Einfluß ist natürlich hörbar. Grundsätzlich schreiben wir aber alles zusammen, wobei die Gewichtung mal so und mal so verteilt ist. Im Gegensatz zu Oomph!, Clawfinger oder den Krupps, bei denen nur zwei oder drei Leute das Sagen haben, sind wir eine richtige Band. Das macht sich auch bei den Aufnahmen bemerkbar, weil wir Schlagzeug und Bass nicht programmieren, sondern von Hand einspielen."

Rock Hard: Apropos Kinder: Nicht nur Flake ist stolzer Vater, auch die übrigen Rammstein-Musiker sind schon mit Nachwuchs gesegnet. Das war einer der Hauptgründe dafür, daß sie das Album keinesfalls in Berlin oder Umgebung aufnehmen wollten.

Paul: "Dort kommen wir einfach nicht ungestört zum Arbeiten - irgendwas ist immer. Deshalb wollten wir unbedingt im Ausland aufnehmen. Da wir auf Amerika keine große Lust hatten, fiel unsere Wahl auf Malta, weil es dort auch im Winter klimatisch angenehm ist und der Studiokomplex weitestgehend unseren Anforderungen entspricht - u.a. haben dort schon Phillip Boa und Such A Surge aufgenommen. Zeitweise haben wir parallel in drei verschiedenen Studios an Programming, Gitarre und Gesang gearbeitet."

Rock Hard: Die Entscheidung, auf Malta aufzunehmen, sorgte nicht nur für eine gesunde Bräune und einen guten Sound, sondern auch für einige ausgesprochen amüsante Anekdoten:

Paul: "Flake fliegt nur sehr ungern und wollte den Flug deswegen unbedingt vermeiden. Darum fuhr als einziger von uns mit dem Zug nach Sizilien, was zwei Tage dauerte. Von dort aus wollte er dann mit einer Fähre übersetzen. Vor Ort mußte er allerdings feststellen, daß diese nur während der Sommer-Saison verkehrt. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als zum Flughafen zu fahren und das letzte Stück mit einer kleinen Maschine zurückzulegen."

Rock Hard: Dumm gelaufen. Überhaupt klappte es mit der Fortbewegung nicht ganz problemlos.

Paul: "Eines Nachts fuhren wir reichlich angeheitert von einer Disco zurück. Es goß in Strömen, und dadurch bildete sich auf der Straße ein fieser Schmierfilm. Dieser - vielleicht aber auch der Suff - führte dazu, daß wir eine Kurve nicht richtig bekamen und geradeaus vor eine Mauer krachten. Breit, wie ich war, habe ich noch versucht, das platte Vorderrad zu wechseln, um weiterfahren zu können. Allerdings entging mir dabei, daß die ganze Front kaputt war und der Wagen einen Totalschaden hatte. Wir hatten jedenfalls Glück: Keiner von uns hat sich ernsthaft verletzt, und die Bullen haben bloß gefragt, ob alles okay wäre und es uns gut gehe. Dann sind sie weitergefahren. In Deutschland wären wir den Führerschein wohl losgewesen.

Der Autoverleiher war zwar nicht gerade glücklich, doch mit nur einem Crash waren wir noch relativ harmlos. Such A Surge, die kurz vor uns dort ihr neues Album aufnahmen, haben es nämlich geschafft, während ihres kurzen Aufenthalts gleich drei (!) Mietwagen kaputtzufahren. Am spektakulärsten war wohl ihr Versuch, auf "Safari" zu gehen. Als sie nämlich querfeldein fuhren, sind sie in ein Sumpfgebiet geraten, und ihr Wagen ist einfach im Schlamm versackt. Der Studiobesitzer mußte nach ihrer Abreise erst einmal die Mietwagenfirma wechseln, weil die alte ihm keine Wagen mehr zur Verfügung stellen wollte. Kaum hatte er eine neue, kamen wir..."

Rock Hard: Doch damit noch nicht genug der Probleme:

Paul: "Ganz egal, wo oder was wir auf Malta gegessen haben - anschließend mußten wir immer kotzen oder hatten zumindest Durchfall. Unsere einzige Rettung war eine relativ weit entfernte Burger King-Filiale, deren Hamburger verträglicher als alles andere dort waren. Wir haben uns noch nie so sehr auf Fast-Food gefreut..."